„Acht Stockwerke kippten auf uns zu“

Inge und Günter Glaser waren an Bord der Costa Concordia

GERETTET: Inge und Günter Glaser in der Unglücksnacht auf der Insel Giglio. Die Mörfelder hatten noch Zeit gehabt, ihre warmen Jacken zu holen. Viele andere Passagiere mussten die Nacht in Unterwäsche und mit Decken verbringen. (Foto: Glaser)

Mörfelden-Walldorf. Die Idee war grundsätzlich gut: Inge und Günter Glaser wollten dem kalten Winter in Deutschland für eine Woche entfliehen, eine einwöchige Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer schien da genau das Richtige zu sein.
Die beiden Mörfelder legten mit der „Costa Concordia“ am 7. Januar in Savona in Italien ab, besuchten unter anderem Toulon, Barcelona, Mallorca und Sardinien, und verbrachten eine traumhafte Woche an Bord des riesigen Luxusliners.

 Mit den Glasers an Bord waren rund 4200 Menschen, darunter auch viele Familien mit Kindern. „Es war schön, wir hatten knapp 20 Grad und Sonnenschein, bis dahin war das Ganze perfekt“, sagt Inge Glaser (57).
Unbekümmert ging das Ehepaar am letzten Abend der Reise gemütlich essen und anschließend mit Reisebekanntschaften in die Pool-Bar, einen Abschiedscocktail trinken. Der Kalender zeigte den 13. Januar an. „Ich schaute gerade aus dem Fenster und sah eine Ortschaft auf uns zukommen, dann kam der Schlag, es war ungefähr Viertel nach zehn“, erinnert sich Günter Glaser (61). Sofort sei das Schiff auf die Seite gekippt, etwa 15 Grad Schlagseite Backbord.
„Das Mobiliar und der Kellner sind durch den Raum gerutscht“, so Inge Glaser. Einen Alarmton habe es aber nur ganz kurz gegeben. Gemäß der Sicherheitseinweisungen, die zu Beginn der Kreuzfahrt erfolgt waren, liefen die beiden Mörfelder nach dem ersten Schreck in ihre Kabine, suchten Jacken, Geld, Ausweise und Medikamente zusammen, und legten Schwimmwesten an. „Ich hatte das schon geahnt, dass da was Dickes passiert ist, es war ein Sechs-Sekunden-Schlag, demnach ein rund 60 Meter großer Riss“, erzählt Günter Glaser weiter.
Das Ehepaar begab sich ordnungsgemäß auf das Bootsdeck, also in Richtung Rettungsboote. Besatzungsmitglieder beruhigten dort die Passagiere zunächst. Es bestehe keine unmittelbare Lebensgefahr, habe es geheißen. „Ich glaube, viele Leute wurden in ihre Kabinen zurückgeschickt“, meint Günter Glaser.
Dann kam der zweite Schlag. „Erst dann fingen langsam die Evakuierungsmaßnahmen an, das Durcheinander wurde immer größer“, berichtet Inge Glaser. „Der richtige Alarm kam erst, als das Schiff richtig Schlagseite hatte“, ergänzt ihr Mann. Zu diesem Zeitpunkt habe man auf der einen Seite des Luxusliners bereits keine Rettungsboote mehr ins Wasser lassen können, sodass die Glasers zunächst das komplette Schiff überqueren mussten, bevor sie sich in die Schlange der wartenden Passagiere einreihen konnten – kein leichtes Unterfangen bei einem havarierten Schiff. Das Licht fiel stellenweise aus, Decks wurden geflutet.
Schließlich kam das Ehepaar gegen 23.30 Uhr mit weiteren rund 35 Menschen in ein Rettungsfloß. „Zu diesem Zeitpunkt ist alles ordentlich abgelaufen, nur das Offizierskorps war weg. Die übrigen Besatzungsmitglieder haben diszipliniert ihren Job gemacht“, betont Günter Glaser.
Mit dem Verlassen des Unglücksschiffs war die Gefahr allerdings noch lange nicht vorbei. „Als wir auf dem Wasser waren, kam uns das Schiff entgegen und wir sahen rund acht Stockwerke auf uns zukippen“, schaudert es Inge Glaser noch rückblickend. „Wir waren das vorletzte Floß, wurden dann aber zügig in den Hafen von Giglio geschleppt“, fügt Günter Glaser hinzu.
Dort sei es bei drei Grad Außentemperatur recht kalt gewesen. In guter Erinnerung hat Inge Glaser die Bevölkerung vor Ort: „Die Leute dort haben ihr menschenmöglichstes getan, um den Passagieren zu helfen. Sie haben Wasser, Essen und Decken gebracht. Ladenbesitzer haben Souvenirpullover für die frierenden Menschen oder Gesundheitsschuhe aus der Apotheke herausgegeben“. Mütter mit Kindern seien vielfach direkt in warme Wohnzimmer gebracht worden, auch das Rote Kreuz und der Zivilschutz seien zur Stelle gewesen
„Wir hatten großes Glück im Unglück“, findet Inge Glaser. Viele Menschen hätten sich nur in Unterwäsche retten können, seien geschwommen oder nur noch knapp mit Seilen aus dem havarierten Schiff gerettet worden. Wie man heute rund zwei Wochen nach dem Unglück weiß, kam für mehr als 20 Menschen jedwede Hilfe zu spät.
Die Unglücksnacht verbrachten die Mörfelder mit warm haltendem Laufen oder einigen Ruhepausen in einer Kirche. Am nächsten Morgen wurden die Passagiere mit einer Fähre zum Festland gebracht, in einer Turnhalle sei man dort mit Essen und Trinken versorgt worden, bevor es mit Bussen zu den jeweiligen Ausgangsorten der Reise ging. Von dort aus fuhren die Glasers mit dem Bus zurück nach Frankfurt.
Dank einer Mitreisenden, die noch ein Mobiltelefon hatte, konnte Inge Glaser ihrem Vater eine Nachricht zukommen lassen und so die besorgte Familie zu Hause beruhigen.
Das komplette Gepäck des Ehepaares ist verloren, ebenso Souvenirs, Mitbringsel, Urlaubsfotos und viele Dinge mehr. Lediglich einige Bilder und Videos von der Unglücksnacht haben die Glasers mit nach Hause gebracht – zusammen mit vielen schrecklichen Erinnerungen. „Das ist für mich wie in einem Film abgelaufen, ich stand irgendwie nebendran“, sagt Inge Glaser, die bis dato weder Fotos noch Filme von der Katastrophe anschauen möchte.
Ein wenig gefasster nimmt Günter Glaser die Sache auf: „Beim zweiten Kippen des Schiffes dachte ich, jetzt ist es vorbei. Ansonsten aber versuche ich das so diszipliniert wie möglich abzuspulen“. Alpträume haben beide seit dem Unglück. Die Mörfelder wollen deshalb an einem Bewältigungskurs teilnehmen – eine Empfehlung der Hausärztin.
Die Reisekosten wurden bereits komplett ersetzt, weitere Verhandlungen mit Versicherungen laufen. Die Bilder von der schrecklichen Katastrophe bleiben. „Ich weiß nicht, ob ich noch einmal eine Kreuzfahrt machen kann“, so Inge Glaser. (ake)

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