Gedenken an Opfer der NS-Zeit

Initiativen erinnern an das Schicksal der Familie Reiß / Erste Stolpersteine in Walldorf

Halten die Erinnerung an die Geschwister Reiß bei einer Gedenkveranstaltung in Walldorf wach: Hans-Jürgen Vorndran und Rudi Hechler (von rechts). (Foto: Koch)

Mörfelden-Walldorf (ako). Immer wieder ist es erschütternd zu sehen, was Menschen einander antun können. Dies wird besonders anhand der NS-Diktatur deutlich. Die Spuren des staatlich organisierten Massenmords an der jüdischen Bevölkerung Europas sind auch in Mörfelden und Walldorf bis heute sichtbar.

Am vergangenen Samstag erinnerten die Initiative Stolpersteine Mörfelden-Walldorf und die Initiative zum Erhalt des Hauses in der Langstraße 37 in Walldorf – in dem bis 1942 die Geschwister Reiß wohnten – an das Schicksal der jüdischen Familie Reiß mit einer Gedenkveranstaltung. Der in der Erinnerungsarbeit engagierte Hans-Jürgen Vorndran, ehemaliger Erster Stadtrat von Mörfelden-Walldorf, hatte hierzu eingeladen. Rund 20 Personen kamen zur Veranstaltung in die Langstraße 37 und zeigten so ihre Anteilnahme. Mit dem Gedenken sollte auch auf den schlechten Zustand des denkmalgeschützten Hauses hingewiesen werden. Dieses ist seit 1976 unbewohnbar und steht seitdem leer. Der Verfall des Hauses ist inzwischen weit fortgeschritten. 

Stolpersteine für die Geschwister Reiß wurden 2008 verlegt

Hans-Jürgen Vorndran ging in seinem Vortrag insbesondere auf die Geschichte der Stolpersteine in Mörfelden-Walldorf ein. Wie auch in vielen anderen Kommunen Europas, waren diese aus diversen Gründen umstritten. Das 1992 vom Künstler Gunter Demnig begonnene Projekt ist aber inzwischen das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Vor dem letzten freiwillig gewählten Wohnort wird mit den Steinen an Opfer der NS-Diktatur erinnert. Im Jahr 2019 verlegte Demnig seinen 75 000 Stolperstein. Außer in Deutschland war Demnig inzwischen in 28 weiteren europäischen Ländern mit seinem Projekt aktiv. Im Jahr 2005 fasste die Stadtverordnetenversammlung mit knapper Mehrheit den Beschluss, auch in Mörfelden-Walldorf mit Stolpersteinen an die jüdischen Opfer der NS-Diktatur zu erinnern. Im Jahr 2008 wurden vor der Langstraße 37 in Walldorf drei Stolpersteine für die Geschwister Reiß verlegt. „Das war die erste Stolpersteinverlegung in Walldorf“, erinnerte sich Hans-Jürgen Vorndran. Der für die Initiative zum Erhalt des denkmalgeschützten Hauses engagierte Matthias Krönke reinigte in einem symbolischen Akt die drei Stolpersteine für die Geschwister Reiß und ging auf die bislang ergebnislosen Verhandlungen zum Erwerb oder wenigstens Teilerwerb von Grundstück und Haus ein. Der ebenfalls für die Initiative aktive Lutz Althoff erläuterte den Zuhörern das Thema Denkmalschutz.

Initiative kämpft für Erhalt des Hauses und angemessenen Gedenkort

Der in der Erinnerungsarbeit ebenfalls engagierte Rudi Hechler übernahm die Aufgabe, an das bewegende Schicksal der Geschwister Reiß zu erinnern. Diese waren vor Ort bekannt und mit den in Mörfelden lebenden Reiß-Familien verwandt. Max (1857 geboren), Ferdinande (1860) und Sara Reiß (1865) blieben unverheiratet und lebten zusammen in ihrer Hofreite. Sie hatten einen relativ großen landwirtschaftlichen Betrieb und besaßen viel Vieh sowie zahlreiche Wiesen und Äcker in Walldorf, Mörfelden und Umgebung. Ferdinande Reiß starb 1935 eines natürlichen Todes, ihre Geschwister führten den Hof weiter. Ferdinande erlebte noch die Anfeindungen in der NS-Diktatur der ersten Jahre mit, doch erlitt sie durch ihren vergleichsweise frühen Tod nicht das gleiche Schicksal wie ihre beiden Geschwister. Die NS-Diktatur nahm diesen 1940 durch Enteignung alles, was sie sich ein Leben lang aufgebaut hatten. Sie hatten nur noch einen geringen monatlichen „Freibetrag“ zur Verfügung. Seit September 1941 wurden sie offen stigmatisiert und ausgegrenzt, indem sie den „Judenstern“ tragen mussten. Im September 1942 wurden sie im Alter von 75 und 85 Jahren in das Ghetto Theresienstadt deportiert, bereits den Oktober überlebten die gebrechlichen und geschwächten alten Leute nicht. Die Todesursache ist unbekannt, aber vermutlich sind beide verhungert. Ihr früherer landwirtschaftlicher Besitz wurde vom Staat an benachbarte Landwirte verkauft oder verpachtet. Die damalige Gemeinde Walldorf verpachtete das Haus in der Langstraße 37 an verschiedene Parteien. „Nichts darf vergessen werden“, betonte Rudi Hechler. Er bedauerte, dass die Stadtverordnetenversammlung 2008 einen Antrag der DKP mehrheitlich abgelehnt habe, das denkmalgeschützte Haus in der Langstraße 37 seitens der Stadt zu erwerben. Vorndran und Hechler machten deutlich, dass sie und die gesamte Initiative sich weiter für den Erhalt des Hauses und einen angemessenen Gedenkort für die Geschwister Reiß in der Langstraße 37 einsetzen werden.

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