Mörfelden-Walldorf: Geschichten erfolgreicher Integration

Andrea Vinson hat neun Geflüchtete begleitet und präsentiert deren Schicksale in einer Ausstellung

Vernissage im Rathaus: Auf großen Rollups zeigt Andrea Vinson die Erfolgsgeschichten ihrer Interviewpartner. Foto: Friedrich

Mörfelden-Walldorf – Mit kaum mehr als mit einem Rucksack sind sie im Hotel Albatros gestrandet: neun Menschen aus sechs Ländern mit einem gemeinsamen Ziel, der Flucht in die Freiheit. Wie aus einer Ankunft in der Fremde ein Gefühl von Heimat und geglückter Integration werden, untersuchte Andrea Vinson in ihrem mehrwöchigen Projekt „angekommen“.

Die Fotografin präsentierte am vergangenen Sonntag die Ergebnisse ihrer Arbeit mit neun Geflüchteten, die erfolgreich neue Wurzeln schlagen. Vinson gibt dem abstrakten Thema „Flucht“ durch ihre Arbeit ein Gesicht, erzählt Schicksale. Wie das von Semhar Kidane Tekle: Die 33-Jährige liebt Currywurst und Kartoffelsalat. In ihren alten Heimat Eritrea war sie Soldatin. Nach ihrer Flucht landete sie 2014 mutterseelenallein in Mörfelden-Walldorf und arbeitet hier zwischenzeitlich als Altenpflegerin – „aus Überzeugung“, wie sie erklärt.
Bei der Vernissage im Rathaus Walldorf drängten sich Gäste, Unterstützer und Mitwirkende. Vinson berichtete, wie sie zu dem ungewöhnlichen Projekt fand, das in Kooperation mit dem Integrationsbüro der Stadt gelang: „Die Probleme in Deutschland durch hohe Migration, die Stimmung in der Bevölkerung oder die Schwierigkeiten der Eingliederung in vielen Bereichen, etwa Schule und Beruf, diese Herausforderungen treffen uns alle, wenn es darum geht, viele fremde Menschen in ein bestehendes System zu integrieren.“
Vinson, die sich seit fünf Jahren mit ihrer Kamera für das Plakatprojekt „Wir sind Mörfelden-Walldorf“ einbringt, wollte mehr: über positive Dinge berichten, von Menschen, die es geschafft haben. So wie der nigerianische Journalist Dickson Oarhe, der Rosamunde-Pilcher-Filme liebt, beim Mörfelder Unternehmer Kasparik eine Ausbildung zum Sanitär-, Heizungs- und Klimatechniker machte, und jetzt bei Infraserv Höchst arbeitet. Ein Schlüsselsatz seines Selbstverständnisses: „Man muss bereit sein, sich einzubringen. Der Staat ist von Menschen gebaut, und man sollte das System hier respektieren, um reinzukommen“, sagt der 38-Jährige.
Indes, das hat Andrea Vinson gelernt und möchte es transportieren: allein gelingt das nicht. „Das persönliche Engagement von Menschen war und ist der entscheidende Faktor, dass Integration gelingt. Das ist von fast jedem der Teilnehmer so erlebt worden“, sagte sie und lobt hier die Arbeit der Flüchtlingshilfe und das Engagement so vieler Ehrenamtlicher.
Heraus sticht auch: Ihre Interviewpartner, die sie über Wochen begleitete, lernten nicht nur Sprache, Kultur und deutsche Verwaltung kennen und suchten sich eine Tätigkeit. Das soziale Engagement der Neun in Beruf oder Ehrenamt fällt auf. Naqibullah Scherzai, der in Afghanistan amerikanische Militärs chauffierte, verdient sein Geld als Landschaftsgärtner, liebt Eintracht Frankfurt und engagiert sich ehrenamtlich bei der Feuerwehr.
Aniseh Sharifzada aus Afghanistan durfte die Schule nur bis zur fünften Klasse besuchen – in Deutschland hat sie den Hauptschulabschluss nachgeholt und absolviert eine Ausbildung zur Kinderpflegerin. Schlüssel zur Integration ist die Sprache – das bekräftigt Hamid Reza Mohammed Khani, der mit seiner Ehefrau Maria Pourbakshi aus dem Iran floh: „Wir hätten hier auch nur mit iranischen Leuten rumlaufen können und persisch reden.“ Aber der Wille zur Integration war seine Triebfeder, getragen von Offenheit und Respekt für die neue Welt.
Geholfen hat das Engagement bei der TGS Walldorf. Zunächst im Kinderturnen, wo Hamid Reza Mohammed Khani als Trainer begann, und dann in der Taekwondo-Abteilung, die er gemeinsam mit Maria Pourbakshi gründete. Hier gibt es ein Geben und Nehmen. Der ehemalige Basketballprofi unterrichtet Taekwondo und erhält Deutschlektionen: „Kinder sind die besten Lehrer“, sagt er.
Andrea Vinson zeigt mit ihrem Projekt „angekommen“ Erfolgsgeschichten,aber auch den Weg dahin, für den es Hilfestellung braucht. Bürgermeister Thomas Winkler sagte: „Die Ausstellung steht in starkem Widerspruch zum allgemeinen Stimmungsbild. Dabei ist Deutschland längst zu einem Einwanderungsland geworden und die deutsche Wirtschaft sucht händeringend nach Fachkräften. Aber für erfolgreiche Integration braucht es Unterstützung aus der Gesellschaft.“
Finanziell ermöglicht wurde „angekommen“ durch Mittel aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“. Am Samstag, 25. November, 14.30 bis 17.30 Uhr, werden die neun Erfolgsgeschichten im „World-Café“ im Treffpunkt Waldenserhof vorgestellt. Für das Frühjahr 2024 ist außerdem eine Ausstellung im Mörfelder Wasserturm geplant. 

Von Ursula Friedrich

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